Morgens um halb Acht

Sieben Uhr dreißig. Meine Gedanken schwirren wie kleine Mücken durch den Morgen. Dabei vergisst man schon die Alltäglichkeiten des Tages. Sie sind ganz einfach unwichtig. So wie der Tag an sich, ist heute Montag oder Donnerstag? Was bitte macht das schon aus? Jahre und Monate sind doch nur eine Aneinanderreihung von Tagen, erfunden nur, weil man sonst nicht wüsste, wie alt man ist. Sonst wüsste ja niemand, wann er Geburtstag hat! Das wäre ja eine gewaltige Katastrophe, es gäbe keine Geburtstagsgäste und vor allem keine Geschenke. Nicht auszudenken, so etwas. Und erst der Handel - ganze Warengruppen würden einbrechen, die Blumenläden als Erste.

Wenn heute der 28.Januar wäre, hätte ich ja eigentlich Geburtstag. Aber es ist nicht der 28.Januar. Ein Blick auf den Kalender zeigt mir: vierzehnter Juli. Habe also noch etliche Monate Zeit bis zu meinem - wievielten? - Geburtstag. Was bitte mache ich jetzt bis dahin? Ich warte auf irgendetwas, das kommen soll, wie in jedem Jahr. Ich habe auch die anderen Jahre gewartet, aber es kam nichts. Es wird auch dieses Jahr nichts kommen, woher auch.

Jemand sagte mir, ich müsste meine Erwartungen zurückschrauben. Leicht gesagt, nicht? Wer hat keine Erwartungen, meist sogar übersteigerte, Du doch auch, oder?

Heute habe ich mich aufgerafft, in der Frühe eine kleine Wanderung zu unternehmen. Durch Feld und Flur, wie es im alten Volkslied heisst. Als ich aus dem Haus ging, war der Himmel noch bedeckt. Graue Wolken, blaue Lücken dazwischen. Inzwischen hat sich das Bild verändert. Vorsichtig schaut die Sonne hinter einer Wolkenwand hervor. Was mag sie wohl sehen, den kleinen Menschen hier auf dem Feldweg, der vergessen hat, welcher Wochentag heute ist? Gewiss nicht. Sie - die Sonne - hat andere Sorgen. Oder geniesst sie nur den Tag? 
Ich wüsste gern, was die Sonne auf den bunten Kinderbildern mit dem Strahlenkranz denkt! Dort auf dem Feld die Sonnenblumen jedenfalls begrüßen mich mit strahlendem Lächeln. Sie scheinen ihr Ebenbild aus genau diesen Kinderbildern heraus kopiert zu haben. Oder ist es umgekehrt? Wie schön.

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Der Weg führt mich weiter zwischen saftig-grünen Wiesen hindurch. Ein Grünfink knabbert an einer Beere, sein Schnabel ist rundherum rot gefärbt von diesem süßen Frühstück. Er lebt, ohne nach dem Sinn seines Lebens zu fragen?
Warum leben wir nicht so unbeschwert? Oder dort an der Distel die kleine schwarzbraune Raupe mit den tausend Härchen. Sie erklimmt mit all ihren Füßchen unbeirrt den hundertmal so hohen Stängel, ohne danach zu fragen, ob sie überhaupt oben ankommt. Und irgendwann - in einigen Tagen - wird aus der Raupe ein wunderschöner Schmetterling. Fragt er danach, ob er früher so unansehlich war? 
Ja, ich weiss das doch auch, blöd bin ich nicht, diese Fragen sind selbstverständlich irreal, weil die Insekten ja nicht denken können. 
Moment - wissen wir das nun wirklich oder verlassen wir uns da auch auf Google? Hmm - ich weiss, das sind lächerliche Fragen, aber warum dürfen wir das nicht ausdrücken? Nur weil wir keine Kinder mehr sind, dürfen wir doch einfach ins Blaue hinein solche Fragen stellen. Oder siehst du da irgend einen Verbotsparagrafen? 
Vielleicht wird man ja gleich weggesperrt, weil man nicht in das Schema passt, dass manch anderer sich von einem alten Menschen macht. Wäre wahrscheinlich gar nicht so selten. Fragen, die ausserhalb der allgemeinen Denkweise angesiedelt sind, könnten an der Substanz der Realität zehren. Das jedoch rüttelt dann an der festen Übereinstimmung mit den Schulwissenschaften. Welch eine Katastrophe!pf_re

 

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Wenn sich immer alle an die allgemeinen Denkweisen gehalten hätten, würden wir heute noch glauben, dass die Erde eine Scheibe ist! Jeder Teilnehmer einer Kreuzfahrt müsste vorher eine Erklärung unterschreiben, dass er alle Risiken eines Absturzes in vollem Umfang auf sich nimmt. Das wären dann tolle Aussichten, alle Reedereien wären alsbald insolvent! Und die Meyerwerft in Papenburg könnte Papierschiffchen falten ...

Die große Erdhummel dort auf der Sonnenblume sucht für ihr kleines Völkchen nach Nahrung. Fleissig und ohne sich stören zu lassen, fliegt sie von Blüte zu Blüte, unermüdlich. Welch ein kleines Wunder ist sie doch. Ich frage mich, was der Schöpfer sich dabei gedacht hat. Wenn ich mir diese Hummel in Großaufnahme betrachte, sehe ich erst richtig dieses Wunderwerk der Schöpfung! Und als ich sie mir auf die Hand setze - sie tut mir nichts, gar nichts. Ich darf sie mir anschauen, sie hat nichts dagegen. Woher weiß sie, dass ich sie mag?

Haben wir etwas anstelle der Natur einzusetzen? Gewiss, wir benutzen Technik, Elektronik, Erfahrung, Geist und Wissen. Dabei vergessen wir oft, dass so manche Bauart beispielsweise aus der Natur übernommen wurde, nur eben in größerer Form.
Und die hat sich allemal bewährt. Wie oft wird diese Natur vergewaltigt, bis zur Unkenntlichkeit verändert. Und irgendwann, bei einer Katastrophe, schlägt sie zurück. Dann wundert sich der Mensch, warum dies geschieht!

Ja, nun hat mich mein Weg zurückgeführt, nach Hause, zu meinem Domizil. Dorthin, wo Ameisen und Mücken mir wieder beweisen, dass nichts vollkommen ist. 
Auch sie haben ihre Daseinsberechtigung. Genauso, wie die Schnecken, die meinen Salat als Leibspeise auserkoren haben!
Jedenfalls war es ein ereignisreicher Morgen, auch wenn er vielleicht sinnlos war. Für mich nicht. Ich liebe die Natur, mit allen Einschränkungen, die sie mir auferlegt. Ich muss nicht alles tun, was mir richtig erscheint; schließlich habe ich meinen Kopf nicht nur für den Friseur ...

 

Die Natur zeigt mir, dass ich noch da bin. Der »kleine Fuchs«, der da vor mir hergaukelt, zeigt mir den Weg zwischen zwei Hecken von wilden Rosen, ihr Duft nimmt mir fast den Atem. Zwischen den blühenden Röschen haben schon einige Hagebutten ihre roten Köpfchen inmitten der tiefgrünen Blättchen hinausgestreckt. Die Natur hat eben ihren eigenen Kreislauf. Bald werden auch die Rosen nicht mehr da sein, verblüht und ohne jede Anziehungskraft für alle Insekten.
Wer denkt denn im Sommer schon an den Herbst? Ist das nicht unnormal? Vielleicht. Jedenfalls weiss ich auch keine Antworten auf alle nebensächlichen Fragen des Lebens. Muss ich doch auch nicht, wozu gibt es denn Google? Ist doch viel bequemer. Und wenn dort jemand seine Weisheit an den Mann oder Frau bringt - wer kontrolliert eigentlich, ob das auch richtig ist? Eine These, aufgestellt und oft genug kolportiert, erscheint in der Folgezeit als unumstössliche Wahrheit. 
»Ich hab da nachgegoogelt, es ist alles richtig!« 
Alles nur irgendwie offiziell dargestellte wird ohne Beanstandung übernommen - weil alle es so richtig befinden!
 

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Du bist da!

Hallo du da!
Du Baum!
Wenn ich so vor dir stehe, dann glaube ich, dass du auf mich gewartet hast!
Warum? 
Nun, ich spüre deine Natürlichkeit, du bist besonnen, du lässt alle Schwierigkeiten einfach hinter dir, kämpfst nicht verzweifelt gegen etwas an, dass du doch nicht ändern kannst und sparst deine Kräfte für die Zeit danach.
Anscheinend kann dich nichts erschüttern. Wie machst du das nur? Lässt alles einfach abprallen, du trotzt allem, was dich bedrängt. Ich wollte, ich würde auch solch eine stoische Ruhe besitzen.

    Ich komme gern zu dir. Ich bilde es mir jedenfalls ein, dass du mich auch magst. Ich kann mich einfach zu dir setzen, ohne dass du fragst, woran ich denke! Und du stellst keine Forderungen an mich. du versuchst auch nicht, meinen Gedanken eine andere Richtung zu geben. Du erdrückst mich nicht mit deinen Wünschen, nimmst mir nicht den Atem zum Leben.

    Weisst du, bei dir kann ich so sein, wie ich wirklich bin. Ich muss mich auch nicht verstellen, nicht etwas darstellen, das ich nicht bin, nicht sein kann! Und trotzdem darf ich zu dir kommen. Du bist direkt bei mir, ganz nahe; aber du lässt mir meine Freiheit, zu träumen, nachzudenken. Ich kann dir alle meine Sorgen beichten, du wirst sie nie weitererzählen. Da kann ich ganz sicher sein. Ich darf bei dir weinen, klagen, lachen. Oder auch ganz einfach glücklich sein.

    Wenn ich bei dir bin, wenn ich neben dir auf dem Rücken liege, kann ich stundenlang den Wolken nachschauen, so völlig losgelöst von allem Ärger, allem Stress. Und wenn es auch mal faustdick kommt, du bist da! Dann darf ich dich ganz einfach anfassen und in mir wird alles ganz ruhig. Ich fühle, dass ich auf eine Art mit dir verbunden bin, die ich nicht erklären kann. Und wenn sich dann dein uralter, rissiger Stamm fast unmerklich bewegt, höre ich im Rauschen deiner Blätter ein leises, aber für mich vernehmbares Flüstern: 
»Ich bin für dich da, Mensch, wann immer du mich brauchst!«

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     Gottes Schöpfung erschien mir vorher niemals so nahe, floss nie so eindringlich in meine Seele, wie in dieser Stunde. So muss wohl einem Wanderer zumute sein, der von Durst geplagt eine kühle Quelle entdeckt und sich ausgiebig daran labt. Braucht der Mensch eigentlich mehr? Ist etwas wichtiger als diese Einheit mit dem natürlichen Sein, dem ursprünglichen Wesen des Lebens?
Können Megabytes, iPads, Computer und Handy, kann Google und Co. das ersetzen, was uns an Natürlichkeit und romantischer Empfindung verloren gegangen ist ? 
Sicher, das Rad der Zeit können wir nicht zurückdrehen, wollen es auch sicher nicht, aber das Empfinden für die Schönheit der Natur soll und darf doch nicht verloren gehen! 
     Gott gab uns Augen, Ohren und alle anderen Sinne nicht nur für die Segnungen der modernen Technik. 
Gewiss: Moderne Technologie ist nicht fortzudenken aus unserer Welt, Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Und das soll und will auch niemand versuchen. 
Aber vergessen wir doch dabei nicht Gottes natürliche Schöpfung! Sie ist es allemal wert, beachtet zu werden und zwar nicht nur auf glänzenden Fotos auf dem Monitor oder einem Bildband!

      Ich jedenfalls will mich nicht mit der Rolle des Zuschauers zufrieden geben. Ich will mich auch nicht darauf beschränken, im Fernsehen zuzusehen, wie »Leben« gespielt wird. Ich will mir nicht nur auf Bildern anschauen, wie ein Baum aussehen kann, wenn sich im Herbst die Blätter in allen Farben der Palette färben. 
Unsere Wunderwelt, Gottes freie Natur ist Leben genug, hier erlebt man täglich das Werden und das Vergehen, das Schaffen und Zerstören. Man muss nur mit offenen Augen durch die Lande gehen oder fahren.
Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, Geboren werden und Sterben, das ist der Kreislauf des Lebens gemeinhin.

         Auch weiterhin werde ich auf Wanderungen und Reisen die Momente genießen, die mir das Leben schenkt, ohne danach zu fragen, mit welcher Einstellung ich das Foto »schießen« kann. Denn mein »Speicher« ist unerschöpflich und ich kann ihn jederzeit abrufen.

 

Fotos und Realität

 

Irgendwann im August eines wundervollen Sommers: Auf einer langen Fahrradtour durch unser schönes Land erlebe ich einen Sonnenuntergang der besonderen Art. Ein orangefarbener Ball schiebt sich langsam dem Horizont entgegen, grauer Abendnebel verwandelt sich in ein Meer von Farben.
        All das erzeugt in mir ein Gefühl von Einheit mit der Natur. Die Farben bringen regelrecht die Seele zum Klingen, eine Resonanz auch des körperlichen Erlebens, wie man es nur selten erfährt. Ich stelle mein Rad mit dem Gepäck ab, setze mich auf einen großen Findling, der das umgebende blühende Heidekraut überragt und genieße diesen zu Herzen gehenden Anblick. 

     Ich bin ein Teil dieser Natur geworden, einer Natur, die mir als Städter so noch nicht begegnet ist. Der hohe Himmel, die Farbenkomposition des Sonnenuntergangs, der Duft des blühenden Heidekrauts um mich herum, schenken mir einen Touch dessen, das ich sicher schon lange ersehnt, aber bisher nie so intensiv erspürt habe. 

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Bisweilen -

möchte ich ein großer Mensch sein.
Das wünschte ich mir sehr;
könnte herrschen über Sand und Stein,
über Gebirge, Wald und Meer.

Sollte ich wirklich so etwas meinen,
all das zu können, was niemand kann?
Ich überlasse dies lieber dem EINEN,
und bleib ein unvollkommener Mann.

 

INHALT

Morgens um halb Acht
Du bist da
Fotos und Realität
Bisweilen

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