Träumereien

Oftmals habe ich schon über meine Träume sinniert. Was geht in meinem Kopf vor, wenn ich sekundenschnelle Bildabläufe in der REM-Phase meines Schlafes vor mir sehe?
In dieser ‘Rapid Eye Movement-Phase’ glauben wir Geschehnisse mitzuerleben, die in der Realität gar nicht passieren. In einer amerikanischen Veröffentlichung las ich kürzlich, dass Träume quasi Ansichtskarten unseres Unterbewusstseins sind, die vom inneren »Selbst« zum äusseren »Selbst« gesendet werden. Dabei versucht die rechte Gehirnhälfte mit ihrer Nachricht, den Graben zu der linken zu überqueren!

Da geschieht es dann häufig, dass diese Nachricht zurückkehrt mit dem Vermerk: »Zurück zum Absender, Adresse unbekannt!« Irgendwo muss dort innerhalb unserer Denkmaschinerie ein Labyrinth von Eindrücken bestehen, in dem mehr oder weniger oft -je nach Gemütslage oder Anspannung - die Wege nicht mehr in geraden Linien verlaufen, sondern in einem wirren Durcheinander, kreuz und quer ihre Bahnen ziehen.
Da draussen, ausserhalb der inneren Gedankenwelt, existiert je nach Sichtweise eine ganz andere Daseinsform. Eine, die unsere Ängste und Nöte, Wünsche und Leidenschaften offenbart und uns in Bruchteilen von Sekunden in den Traumbildern ein Leben vorgaukelt, dass so in keiner Form realisierbar ist.
Solche Sekundeneindrücke sind keiner Logik zugänglich, dennoch sind sie ein wichtiger Teil unseres Daseins, unseres Ego.

Da unsere Träume als Gefühle in bewegten Bildern gesehen werden können, spiegeln sie Erfahrungen aus dem Alltag wider, einem Alltag in dem wir sehr mit Eindrücken der Außenwelt beschäftigt sind. In unseren Träumen aber erleben wir, was uns wirklich bewegt. Dabei verraten die oftmals wiederkehrenden Grundmuster, was uns in den Träumen beschäftigt.
Wenn wir diese Muster zu erkennen versuchen, haben wir auch die Möglichkeit, viel über uns selbst zu lernen.

 »Ein Traum erzählte mir eine Geschichte. Nur ein Traum, dachte  ich bei mir und übersah, dass ich darin die Hauptrolle spielte!«

(Helga Schäferling, Sozialpädagogin 1957)

Träume spiegeln das psychische Erleben während des Schlafes. Fälschlicherweise gingen Mediziner und Psychologen lange davon aus, dass unser Gehirn im Schlaf ›abgeschaltet‹ wird. Man hielt Träume ganz einfach für das Ergebnis einer zufälligen Aktivität von Nervenzellen ohne jede Bedeutung. 
Heute aber weiß man durch Forschungsergebnisse, dass unser Denken, Erleben und Fühlen während des Wachzustandes im Schlaf immer weiterläuft.

Wenn wir träumen, leben wir temporär in anderen Dimensionen, in Bereichen, die wir nicht beeinflussen können, die aber dennoch Einfluss auf uns ausüben. Nehmen wir unsere Träume so auf, wie sie in unseren Schlafphasen erscheinen: Als Bilder unserer eigenen Welt, mit denen wir ständig korrespondieren.

 

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Steinzeit!

«Was machst du da«, fragte der kleine Junge den alten Mann, der auf einer der Parkbänke sass. 
Erstaunt sah der Alte den Kleinen an. Versonnen drehte er einen Stein, den er in der Hand hielt, immer wieder herum.
»Ich schaue in die Zeit zurück«, sagte er dann. 
»Wie geht das denn,« fragte der Junge, »bist du ein Zeitforscher?«
Der Mann lächelte. »Hm, vielleicht bin ich so etwas Ähnliches. Wer weiss schon genau, was er ist. Klingt aber nicht schlecht: Zeitforscher! Time researchers.«

»Was heisst das denn?« Der kleine Junge sah dem Alten ins Gesicht.
»Auch Zeitforscher. Gehst du noch nicht in die Schule?«
»Nein«, 
sagte der Junge, »erst nächstes Jahr. Oma meint, ich soll mich ruhig noch ein bisschen ausruhen, alles andere kommt früh genug.«
»Und deine Eltern? Was sagen die denn dazu?«
»Hab keine mehr. Sind da oben!« 
Er zeigt zu den Federwolken hinauf, die ein Muster auf das Coelinblau des Himmels malen.
»Oh!« Der alte Mann schwieg betroffen. Der Junge sah ihn an: »Ich hab sie ja nicht gekannt. Und ich hab ja meine Oma!«
»Ja, das ist auch gut so. Jeder braucht einen, dem man vertrauen kann, wenn man sich mal allein fühlt. Es ist schlimm, wenn dann keiner da ist. Ich kenne das.«
»Bist du auch allein?
« fragte der Junge. 
»Ja, manchmal, aber ich habe ja meine Zeit, mit der ich reden kann!«
Verständnislos sah ihn der Junge an. Der Alte lächelte wieder. Zeigte dann auf den Stein in seiner Hand.
»Siehst du den hier? Der kann mir so viel erzählen. Der wurde geboren, da lebten noch keine Menschen auf dieser Welt.«
Der Kleine lacht herzhaft auf. »Aber Steine werden doch nicht geboren, was erzählst du mir da für einen Quatsch.«

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Der alte Mann lachte auch leise in sich hinein, meinte dann aber, indem er dem Kind den Stein reichte:
»So, meinst du? --- Steine werden auch geboren. Nicht so wie Menschen und Tiere, natürlich nicht. Steine werden aus Feuer und Glut und Magma geboren, die tief unter unseren Füßen im Inneren der Erde wohnen. Wenn diese Glut dann ab und zu an die Oberfläche kommt, wird sie fest und später ist das dann ein Stein. So wie dieser hier!«
Der Junge drehte den Stein hin und her, betrachtete dessen Maserung. »Ich finde, der ist hübsch. Und so glatt, das fühlt sich gut an.«
»Möchtest du ihn haben? Ich schenke ihn dir. Ich habe ihn auch mal geschenkt bekommen, von einer alten Frau, die oben in den Bergen wohnte.«
»Aber, - aber das ist doch dein Stein mit der du in die Zeit gucken kannst. Hast du doch gesagt, nicht?«
Der Alte nickte dem Jungen zu, lächelte dann verschmitzt.
»Ach weisst du, ich kenne die Zeit nun schon viele, viele Jahre lang und sie kennt mich auch. Und ich kann jetzt schon alles auswendig. Aber du, du musst sie noch lernen, diese Zeit.«

 

Der kleine Junge schaute ihn verwirrt an. 
»Wie kann man denn Zeit lernen? Das geht doch gar nicht.«
Der alte Mann sah den Kleinen an, fragte dann nochmals:
»Nimmst du mein Geschenk an?«
Wortlos nickte der nur mehrmals.
»Gut so«, sagte der Mann. »Du meinst also, Zeit könne man nicht lernen? Oh doch. Ich habe auch gelernt, Zeit zu haben. 
Weisst du, es ist oft so, - du wirst das noch erfahren - dass man keine Zeit hat. Oder sie läuft einem einfach weg!«

Der kleine Junge nickte bestätigend mit dem Kopf: 
»Das sagt Oma auch manchmal: Die Zeit ist mir einfach weggelaufen!«
»Ja, so ist das dann auch.« 
Der Alte sprach weiter. »Man kann die Zeit verschlafen. Man kann sie totschlagen!«
Der Junge lachte laut auf. »Oma sagt immer: Zeit ist kostbar!«
»Womit sie auch recht hat«, 
sagte der alte Herr. »Sie ist wirklich kostbar. Man sollte sie auch nicht einfach vertreiben. Weisst du, manche sagen, sie müssten sich die Zeit vertreiben!«
Der Kleine nickte. »Hab ich auch schon gehört. Zeitvertreib!«

Der Alte bejahte. »Ja, genau, man vertreibt sich die Zeit. Und dann tut die genau das, sie lässt sich vertreiben, und plötzlich ist sie weg! Ganz einfach weg, weil man sie vertrieben hat. Ist das nicht schlimm?«

Fragend schaute der Alte den Jungen an. 
»Ich glaube schon, dass das schlimm istUnd dann? Kriegt man die wieder?

»Nein, niemals.« 
Der Alte sagt das mit einer bestürzenden Bestimmtheit.»Nein, verlorene Zeit bekommt man nicht zurück. Die ist dann weg. Und dann hat man keine Zeit mehr, keine Zeit mehr, all das zu tun, was man früher gern gewollt hat, doch man hatte ja damals auch keine Zeit!
Und später dannwenn man, so wie ich jetzt, Zeit hätte, ist keine mehr da! Weil sie aufgebraucht ist, die Zeit. Deshalb musst du unbedingt Zeit lernen, mein Junge, denn sie ist kostbar, wie deine Oma sagt. Nimm dir Zeit, wann immer du sie brauchst und lass dich nicht von ihr hetzen.
Denk immer an den Stein in deiner Hand!«

Der Alte erhob sich von der Parkbank, nahm seinen Gehstock, streichelte dem Jungen noch einmal übers Haar und ging dann langsamen Schrittes den Weg entlang.
Der Kleine sah ihm lange hinterher, flüsterte dann leise:
»Tschüss, lass dir Zeit Opa!«

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Gemeinsam in einer Welt!

Wer möchte es bezweifeln, dass wir in einer Zeit des geistigen Umbruchs leben? Niemand könnte das infrage stellen. Dazu kommt noch, dass dieser Wandel sich nicht nur auf einen begrenzten Bereich erstreckt, sondern eine globale Frage ist. In dieser ganzen Thematik kommt dabei jedoch zum Tragen, dass Ursprung und Ziel all dieser Fragen in jedem Teil der Erde völlig unterschiedliche Gründe und damit auch Auswirkungen haben.

    Die christlich geprägte Welt unserer Hemisphäre macht gerade eine zweite Phase der Aufklärung durch, in der Normen und Verhaltensweisen ständig aufs Neue infrage gestellt werden und jederzeit täglich neu diskutiert werden.

    Die islamische Welt dagegen hat im Grunde genommen noch nicht einmal mit der ersten Entwicklungsperiode richtig begonnen! Hier gilt immer noch mit dogmatischen Verhärtung eine überlieferte Tradition, die keinerlei Widerspruch duldet.
In der westlichen Welt haben ideologische Systeme wie Kommunismus und Faschismus im Wesentlichen abgewirtschaftet, (wenn auch der Letztere scheinbar wieder Oberwasser bekommt); in der östlichen Welt wiederum erfährt der Islamismus als Heilslehre einen neuen Dogmatismus mit Auswirkungen auf die Gesellschaft, die bedrückender nicht sein kann. Wenn die Sharia als politisches Instrument der Herrschaft gilt, wird die Menschlichkeit auf der Strecke bleiben.

    Für diese Entwicklung sind mehrere Gründe verantwortlich. Der Hauptgrund aber dürfte sein, dass aufgrund der Globalisierung weltweit und der Vernetzung durch Medien aller Art alles Geschehen überall in Sekundenschnelle bekannt wird. Dazu kommt noch, dass die Auswirkungen all dieser Geschehnisse in jedem Winkel der Welt spürbar werden.

    Dies gilt für kriegerische Vorgänge jeder Art, ebenso für Hungersnöte in vielen Ländern der Erde. Der Irak, Bangladesh, Syrien, Somalia und der Sudan z.B. sind nicht so weit entfernt, wie sie noch vor hundert Jahren schienen. Durch unsere erhöhte Beschleunigung der Verkehrswege rücken die Völker optisch und auch real immer näher zusammen.
      Die Menschheit lebt weder ethnisch noch politisch oder religiös in abgeschotteten Grenzen. Außerdem ist die Zeit, in der jedes Land ökologisch oder ökonomisch autark leben konnte lange vorbei.
Die sogenannten »Inseln der Glückseligen«, auf der jeder nach seiner Art leben und wirken konnte, gibt es einfach nicht mehr. Die Bedrohungen durch die Urgewalten der Natur oder auch der staatlichen Mächte, die ihre Einflusssphäre ständig ausdehnen wollen, hat allem ein Ende bereitet. illusion

      Lange Zeit gingen die hegemonialen Ansprüche von Russland und den USA aus. Im Laufe der Zeit sind es nun Indien, China und die arabischen Länder, die ihre weltweiten Ansprüche anmelden; auch der Iran als Vorkämpfer des islamischen ideologischen Weltbildes steht bereit, um Machtkämpfe für sich zu entscheiden.

      Für die Staatsmänner der Welt ist es vielleicht noch möglich, die Unterschiede zwischen wirtschaftlichem Wachstum und Armut, eventuell auch zwischen Ökonomie und Ökologie zu analysieren. 

     Hier jedoch Lösungen zu finden oder auch nur die Unterschiede zwischen den wirtschaftlichen Interessen auszugleichen, das scheint unmöglich zu sein. Dort, wo klare Entscheidungen getroffen werden müssten, treten Kompromisse an deren Stelle, die nicht weiter nach vorn führen, sondern immer nur im Kreis laufen und niemand weiter bringen.

      Alle Sachprobleme verstellen dabei nicht nur den Weg in die Zukunft, sie erschweren auch unser Handeln in der Gegenwart. Alles Handeln jedoch hat die Maxime, die Freiheit heißt! Als Freiheit der einzelnen Person war sie eine Errungenschaft des Christentums. Sie räumte jedem Menschen, gleich welcher Rasse und welchem Geschlecht eine unmittelbare Beziehung zu Gott ein. Diese Freiheit ist nun allerdings nicht ohne feste Bindung möglich. Das gilt für das Verhältnis des Menschen zu Gott wie auch zu den Mitmenschen. (religio heißt ja »binden«) 

     Freiheit ist ein Gut, das man nicht für sich allein haben kann, es ist ein Universalrecht, das für alle Menschen auf dieser Erde gilt! Sie ist das Recht der »Andersdenkenden«, die ihren eigenen Lebensentwurf formulieren und auch dafür eintreten dürfen. Als Prämisse aber gilt dabei: Freiheit ist ohne Toleranz nicht möglich, weil die Achtung der Freiheitssphäre jedes Einzelnen erst das Zusammenleben möglich macht! Sie schließt dabei aus, dass religiöse Überzeugungen durch Hetze und Drohungen geltend gemacht werden.
Das gilt für den einzelnen Menschen und es gilt demgemäß für Völker.

     Hier genau liegt die Schwierigkeit des Verständnisses zwischen dem politisch motivierten Islam und dem Christentum, das für uns die Grundlage des europäischen Wertesystems ist.
Es ist dabei eine Illusion, dass man davon ausgehen kann, dass eine ideologische Koexistenz beide unterschiedliche Systeme auf Dauer im Gleichgewicht halten kann. Auch ein militärisches Patt wird dies nicht schaffen. Martin Luther sprach von der 
»Freiheit des Christenmenschen«. An dieser Auffassung scheiden sich die Geister; an ihr kommt niemand vorbei, auch der Islam nicht!

    Hannah Arendt, die politische Philosophin sagte einst: »der Grund aller Politik ist Freiheit«. Er macht erst das Leben lebenswert - und das gilt auch für den Islam!

 

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Stunde der Liebe

Die Stunden der Nacht sind vorüber. Worte beginnen zu wandern. Hier hin - dort hin. Tief unter der Haut verwurzeln die Worte im Zwielicht des Morgens. Streifen leise durch das morgendliche Grau des Zimmers. Flüstern Geständnisse, beichten kleine Geheimnisse des Lebens, die sonst unausgesprochen blieben. Weil Liebe unteilbar ist, bedarf sie weder einer Frage noch einer Antwort. Blicke treffen sich. Finden sich zum traulichen Miteinander. Spannen Netze aus filigranen Silberfäden, glänzende Wunderwerke des Daseins. Verbinden sich zur Einheit des frühen Tages ohne Rücksicht auf die gesichtslose Form des Morgens. Die Nacht bleibt zurück, ist bedeutungslos geworden, ist Vergangenheit. Nur die Stunde zählt, die Stunde der Liebenden.

Erinnerungen sprechen eine eigene Sprache, kaum einer versteht sie. Hätten die Augen Geduld, würden sie auf die kleinen Dinge achten, könnten Farben erkennen und aus dem Mosaik Bilder formen. So jedoch bleiben sie im Gewirr des Morgens hängen. Wozu fragen, wenn man die Antwort kennt? Aus dem Dunst der Vergangenheit entsteht ein Fragment der Zukunft, zwar unvollständig, dennoch bildhaft in klaren Farben. 
Nein, Worte sind nicht Schall und Rauch, wie der Dichter sagt! »Ich liebe Dich« ist ein Abbild des Denkens, ein Synonym für ein Miteinander des Lebens, vielleicht begrenzt auf Zeit, vielleicht für die Ewigkeit; auf jeden Fall aber fliegen die Herzen in intimer Zweisamkeit empor zu den Sternen. Sie verlieren sich dort und finden sich immer wieder.

»Ich liebe dich!« Der Sinn dieser Worte ist so bemerkenswert, dass er aufgehoben wird bis an das Ende der Tage. Man möchte ihn mit den Händen fassen und bewahren, obwohl die Vergänglichkeit des eigenen Ichs lange erkannt ist.
Worte sind der Gesang der Seele. Einmal gesprochen sind sie fort, fliegen in die Weite. Kehren auch nie zurück, überwintern im Dunst des Erinnerns, bis sie melodiös als Duett im warmen Strudel des Frühlings erklingen, eine Sinfonie der Liebe in einer Welt der Kälte.

Wenn die Stunden der Nacht vorüber sind, gebiert der Morgen das Licht, lässt das verwelkte Dunkel hinter sich und entsorgt es auf den Stapel des Vergessens. 
Gestern war, morgen wird sein. Beides ist nicht mehr oder noch nicht beeinflussbar, allein das Heute ist der Weg unseres Daseins.

Ohne Notwendigkeit, ohne jede Vorbedingung und ohne jede Suche schenken die Worte der Liebe Wärme und Vertrauen, Hingabe und Erfüllung. Im Leben eines Menschen kann nichts bedeutsamer sein als gemeinsam gelebte Stunden, Tage und Jahre. Sie ergeben die Quintessenz des Lebens zu zweit.

Oftmals aber sind »Einsam« und »Gemeinsam« Zwillingsgeschwister! Dort, wo die Worte der Liebe verloren gehen, verschwindet oftmals das »- Gem -« auf unerklärliche Weise. Und niemand weiss, wohin es ging. Eines grauen Morgens war es nicht mehr da.

Das geschieht dann, wenn die Vergangenheit die Oberhand erhält oder die Zukunft im Blickpunkt steht. Wenn das Heute, das Leben im »Jetzt« nicht mehr vordergründig ist, verliert auch das Wort »Ich liebe dich« an Bedeutung, es wird dann nur noch als inflationäres Anhängsel benutzt und irgendwann hat es seine Wichtigkeit vollends verloren!
Die Nacht bleibt zurück, wird bedeutungslos. Nur die Stunde zählt, die Stunde der Liebenden ...

 

Was weißt du schon?

 

Wer sagt dir, dass der Glockenklang
in stiller Stunde nicht dir gehört?
Erzählt er nicht vom Sehnen,
meines Herzens in tiefer Nacht?

Was spricht der Wind so spät Abend,
der Baumkronen und Gebüsch
mit sanftem Säuseln durchdringt?
Erzählt er dir von meiner Liebe?

Wenn dein Traum dir Glück verheißt,
frag nicht, woher die Liebe kommt.
Sie ist, was sie ist, sagt der Dichter dir.
Genieße nur! Du kennst niemals die Stunde …

©2021 by H,C.G.Lux

Ein winziger Teil meines Lebens ...

Leben bedeutet fortschreiten. Wenn man weitergeht, lässt man eine Menge hinter sich, Gutes, weniger Gutes und extrem Grauenhaftes. Wenn ein Mensch alles bis an sein Lebensende mit sich herumtragen müsste, würde er sicher verzweifeln. Denn wo gibt es nur Schönes auf dieser Welt? Alles was geschieht, prägt den Menschen in irgendeiner Weise, positiv wie auch negativ.

 Ich hatte bisher beide Arten dieser Lebensphilosophie kennengelernt. Wenn ein Baum mitten in seiner Wachstumsphase herausgerissen wird, die Pflanzerde abgeschüttelt und die Wurzeln beschnitten werden, ist es schwierig, ihn wieder zum Grünen zu bringen. Es sei denn, man belässt einen Teil der Basiserde an seinen Wurzeln. Nichts anderes geschieht, wenn junge Menschen aus ihrer Heimat vertrieben werden, wenn die Verwandtschaft fort ist und nur einige Krümel seiner einstigen Pflanzerde noch vorhanden sind.

 Ich hatte früh erfahren, wie es ist, ohne Verwurzelung zu leben. Meine Lehrzeit in dem Handwerksberuf in Emden brachte ich noch hinter mich, dann verließ ich das Nest, das ich im Grunde genommen mit erbaut hatte. Mutter sah das zwar völlig anders, ließ mich aber ziehen, weil sie spürte, dass mich die weite Welt, die ich in meinen Büchern entdeckt hatte, nun rief.

    Es war für Mutter fast nicht mehr möglich, ihren siebzehn Jahre alten Jungen, noch unter Kontrolle zu halten. Ich ließ es einfach nicht mehr zu! In den Jahren vorher hatte ich zum Teil die volle Verantwortung für die kleine Familie getragen, nun, nachdem die Zeiten sich wieder relativ normalisiert hatten, wurde ich zurückgestuft in ein Kindesalter, dem ich längst entwachsen war.

     So zog ich, nachdem in der neuen Heimat keine Berufsaussichten bestanden, einige hundert Kilometer nach Süden ins Ruhrgebiet, dem damaligen Herzen des Wiederaufbaus. Hierin sah ich die große Chance für mich, so kam es dann, dass der Kohlebergbau noch einen der ca. 470.000 Bergleute zugewann! Da die Arbeitskräfte auf den Zechen knapp waren, holte man sie in diesen Jahren der Nachkriegszeit aus allen Teilen Deutschlands zusammen. Da arbeiteten Oberbayern neben Ostfriesen und Pfälzer neben Holsteinern; das Gute dabei war, dass sich alle miteinander verstanden.
 Gewiss war der Umgangston sehr rau und nicht unbedingt immer gesellschaftsfähig, eines aber war stets sicher: Jeder konnte sich zu jeder Zeit auf Jeden verlassen! Meine Tauglichkeitsuntersuchung war problemlos geschehen, in Dortmund wartete ein Ledigenheim auf mich und das Abenteuer Schwerstarbeit hatte begonnen.

 

Die blauen Male ...

Die blauen Male meiner Hände 
schlugen die Kohle und der Stein.
Ich trag sie bis ans Lebensende, 
sie gruben tief ins Fleisch sich ein.
Sie sind der schweren Arbeit Zeichen, 
erzählen von dem Kampf am ”Stoss”.
Sie sollen mir zum Ruhm gereichen,
berichten von des Bergmanns Los.
Ich trag sie stolz, die blauen Male, 
sie sind meiner Hände Zier.
”Glück auf!” 
Ich bleib auch bei der letzten Seilfahrt 
ein Kumpel aus dem Ruhrrevier.

 

Vorbei!
Vier große Kerzen warfen ihr spärliches, flackerndes Licht in die Trauerkapelle des Friedhofs. Vier Särge standen in Reih und Glied, wie bei der Anfahrt zum Schacht, auf jedem dieser allerletzten Schreine stand inmitten von Blumenschmuck eine alte Grubenlampe und zeigte den vielen Trauernden, wer hier die letzte Reise antrat.
Dann hörten die Anwesenden eine Reihe von Ansprachen, zwei Pfarrer hielten ihre kurze Predigt, ein Sekretär der Gewerkschaft sprach von Treue und Verantwortung; der Betriebsführer lobte die Arbeitsleistung seiner ›abgekehrten‹ Kumpel! Es ist fast ein Zuviel an einfältigem Lob, das hier ausgeschüttet wurde - es kostet ja nichts!

 Die Hinterbliebenen und alle anderen Gäste erhoben sich mit versteinerten Gesichtern, als wir Bergleute in den schwarzen Uniformen der Knappen die Särge aufnahmen und uns dann langsam zum Ausgang begaben. Ab und zu hörte man ein leises Weinen durch die Töne der Orgel hindurch. Wer konnte in diesem Augenblick unberührt zur Tagesordnung übergehen? Vier junge Menschen, waren mitten aus dem Leben gerissen worden. Josef und ich gehörten zu den Bergleuten, die ihre Kumpel aus dem Streb zu ihrer letzten Ruhe begleiteten; um diese Ehre hatten wir die Betriebsleitung gebeten.

  Draußen vor dem Portal gab die Bergmannskapelle der Zeche der Trauergemeinde das Geleit.
›Glück auf, der Steiger kommt!‹
Diese Melodie ging allen unter die Haut, auch wenn sie viele Male einfach nur so aus Freude gespielt wurde - an diesem Tag hatte sie eine ganz besondere Bedeutung erlangt! »Glück auf!«

 Mats, der fabelhafte Holländer kann es nicht mehr genießen, dieses Glück. Icke, der immer freundliche Kobold kann uns nicht mehr mit seinen Witzen langweilen. Toni aus Kempten im Allgäu, der stets von seiner Stadt schwärmte, kann seine Familie nun nicht mehr nachholen. Sie sollten im Herbst ihre neue Zechenwohnung beziehen. Er hatte sich schon so darauf gefreut! Ja - und Dieter! Sie werden seinen Ruf »Buttern« - schon lange vor der Frühstückspause - nie mehr vernehmen. Sein Vater Rudi, der zu uns drei Überlebenden zählte, konnte wegen einer schweren Psychose an der Bestattung seines Sohnes nicht teilnehmen. Vier Menschen wurden zu Grabe getragen, vier Leben voller Freude und Hoffnung, sie wurden nun mit dem ›Glückauf‹ der Musik zu ihrer letzten Ruhe begleitet. Ich hatte das Glück, nicht unter ihnen zu sein, wie leicht hätte es geschehen können?

     Nach einer knappen Stunde war alles vorüber. Die  Hinterbliebenen blieben mit ihrem Schmerz allein. Die Trauergäste verließen den Ort der Vergangenheit, alle schönen Worte würden übermorgen vergessen sein und jeder würde dann wieder den Tagesablauf des eigenen Lebens nachgehen. Einem Leben, das innerhalb von Sekunden vorbei sein kann und von dem dann nur ein »Glück auf, der Steiger kommt« übrig bleibt!

 Es machte mich, den jungen Bergmann, sehr nachdenklich. Musste ich mich diesem Schicksal beugen? Klar, ein Risiko bestand halt überall im Leben, aber muss man es herausfordern? Nein!

 

Ein winziger Teil meines Lebens, aus dem Buch: 1000 Jahre und die Tage danach,
von H.C.G.Lux

(ISBN 9798646316531)

Haiku

 

Trotzdem

Ein Blatt fällt vom Baum.
ein Vogel singt dennoch sein
abendliches Lied.

***

 

Rheinpreussen IV