Was ist Heimat?

Es ist ganz schwer, darauf zu antworten. 
Ist Heimat dort, wo ich geboren wurde oder da wo ich lebe, wo es mir gut geht? Ist Heimat ein Ort, ein Land, eine bestimmte Landschaft? Ist meine Heimat da, wo ich mir etwas geschaffen habe, vielleicht ein Haus gebaut, eine Familie gegründet?

Was ist Heimat, wo ist meine Heimat?
Viele Fragezeichen, viele Fragen überhaupt. Ich kenne das Heimweh nur zur Genüge, oft hatte ich in meinem Leben damit zu tun. Aber wonach hatte ich Heimweh, was war es, das mir dann oft das Herz schwer machte?
Wie zum Beispiel kann ich Heimweh haben nach einem bestimmten Ort oder Haus, wenn dort überhaupt niemand mehr lebt, den ich kenne? Manchmal kommen in stillen Stunden Gedanken hergeflogen, einfach so durch den blauen Nebel der Vergangenheit in die Jetztzeit hinein.
Sie erzählen von Zeiten und Menschen, von Stätten und Ereignissen und ich träume in diesen Augenblicken von einer Heimat, die ich immer suchte und doch niemals fand.

Ich definiere für mich selbst die Heimat als die Zeit und die Orte meiner Kindheit. Ich benenne es dann immer mit dem Wort »Kinderheimat«! Ja, ich weiß, es klingt auch ein wenig kindhaft, aber ich meine es wirklich so! 
Das kommt sicher daher, dass ich in meinem Leben niemals so richtig bodenständig war! Früh herausgerissen aus einer Kinderzeit mitten in den Wirren und Grausamkeiten des Krieges, plötzlich hineingestellt in den Kampf ums Überleben der Nachkriegszeit. div_446

Wurzellos, bodenlos, heimatlos? Ein Freund aus dem Internet fragte mich, warum ich mich im Web Wildgooseman nenne! (die männliche Wildgans) Ich denke, es kommt daher, dass ich ebenso wie die Wildgänse ständig den Drang verspüre, fortzuziehen. Genau so gern jedoch komme ich wieder nach Hause! Ich möchte unterwegs sein und dennoch einen Fixpunkt haben, an dem ich landen kann.
Ist das ein Heimatgefühl? Sicher ist es das nicht. Auch meine Familie ist nicht meine Heimat, sie ist ein Teil von mir und meiner Persönlichkeit, aber mit Heimat hat das nichts zu tun.

Man sagt immer: »Einen alten Baum verpflanzt man nicht mehr!« Ich glaube nicht an solche Aussprüche. 
Auch im Alter habe ich das Umpflanzen immer gut überstanden, sofern nur der Boden gut vorbereitet war. Jeder Gärtner kennt diesen wichtigen Grundsatz! Heimat aber wird nicht daraus, ich bin der Meinung, Heimat hat man im Herzen, in der Seele. Heimat ist tief in mir. Aber trotzdem kann und darf immer ein Gefühl von Sehnsucht bleiben, Sehnsucht nach der weiten Ferne. Heimweh und Fernweh sind Geschwister, waren es schon immer, solange es die Menschheit gibt. Wer könnte mir das Gegenteil beweisen?

 

Ein schöner Tag

Ein schöner Frühsommertag. Ist es hier im Park nicht herrlich? Die Sonne lacht, es ist nicht zu warm, nicht zu kalt. Toll! Man bekommt so richtig Lust, der Natur zu folgen und die verschwiegenen Pfade des Parks entlang zu wandern. Dort die alte Bank lädt mich zu einer Rast ein. 
     Da, wenn du das hören könntest, eine Amsel singt ihre wunderbare Melodie, auch wenn es vielleicht immer gleich klingt, es erscheint trotz allem jedes Mal anders. Und dort in dem uralten Baum das Eichhörnchen. Das Tierchen im rot-bunten Fell huscht zwischen den Zweigen der hohen Buche herum. Immer auf der Seite, die mir abgewandt ist. Wer gibt ihr das wohl ein?

     Dann auf dem Rasen die schwarze Dohle, ihr grauer Schopf leuchtet hell vor ihrem schwarzen Federkleid! Nun schaut sie zu mir herüber, was mag sie denken? Denkt sie überhaupt? Jetzt wirft sie mit dem Schnabel einen Stein auf den Gehweg. So etwas sah ich noch nie. 
     Konrad Lorenz hätte es eine Übersprunghandlung genannt! Schade, dass ich mich mit dem Vogel nicht unterhalten kann. Das müsste spannend sein. Ich würde mich gern mit ihm über die Menschen unterhalten. Ob die Dohle negativ über mich denkt? 
    Warum interessiert mich das eigentlich, was ein schwarzer Vogel über mich denken würde? Hah, ich glaube ich spinne. Ja, aber trotzdem, was denkt er wohl über mich? Ob er weiss, dass ich ihn mag? Nein, sicher nicht, woher wohl. 
Es sind kaum zehn Schritte, die mich von ihm trennen. Jetzt bloss keine hastigen Bewegungen machen, ich möchte gern, dass er näherkommt.

    Tatsächlich, der Schwarze ist nur noch ein paar Meter von mir entfernt. Er schreitet - ganz recht - er schreitet auf der Rasenkante des Weges entlang auf mich zu. Die schwarzen Äuglein beobachten mich aufmerksam.dohle
Da liegt ein kleiner Zweig auf dem Weg. Der Vogel hüpft von der Steinkante herunter, geht um den Zweig herum, fasst ihn mit dem Schnabel am dünnen Ende und zieht ihn vom Weg herunter auf den Rasen! Parkreinigung auf Vogelweltart, man glaubt es nicht, wenn man es nicht gesehen hat. 
Das Vogel auf dem Rasen sucht irgendetwas zwischen den Grashalmen, wirft dabei den Kopf in die Höhe, zupft dann etliche längere Grashalme aus dem Rasen.

     Plötzlich kribbelt es in meiner Nase. Ein starker Niesreiz quält mich, ich versuche ihn zu unterdrücken, vergeblich! Ohne Vorwarnung für die Dohle entlädt sich eine gewaltige Eruption. Erschreckt und mit voller Lautstärke schimpfend flattert der Vogel davon. Zwischen den Bäumen heraus höre ich ihn noch weiter motzen. Ich kann ihn gut verstehen. Jetzt ist sein Urteil über mich wohl nicht mehr so positiv, wie ich vorher annahm. Na gut. War halt höhere Gewalt.

    Plötzlich ist das Eichhörnchen wieder da, emsig und nur in ganz kurzen Abständen einhaltend, jagt es über den Rasen zum nächsten Baum. Warum lässt man es nicht für Deutschland bei den Olympischen Spielen starten? Da wäre man bestimmt sicher, dass es nicht unter Dopingverdacht gerät ...
Bevor ich nun noch ganz anfange, zu spinnen, werde ich noch ein paar Kilometer wandern. Auf Wiedersehn, ihr fröhlichen Parkbewohner!

 

»Nein« spricht die Dohle, schwarz und klein,
»Ich will jetzt keine Dohle seyn!
Gleicht mein Gefieder nicht der Kohle,
so glänzend schwarz und silberrein?
Beym Himmel auch, nicht eine Dohle, 
Nein eine Amsel muss ich seyn!«

Sie sprachs. Da fing die Amsel an
zu singen ihre Frühlingslieder;
Die Thörin krächzt ihr nach und man
Erkennt mit Spott die Dohle wieder.

Wie einen Vogel am Gesang,
So kennt am Wort man deinen Rang;
Kein Kleid macht dich geehrt und groß,
bist du verdienst- und bildungslos.


(Josef Sigmund Ebersberg 1799-1854)

 

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      Neue Erfahrungen
 

Nebel hängt über den Feldern, während der Tau des neuen Tages sich langsam in die Lüfte hebt. Wenn ich am Fenster stehe, die Natur auf mich wirken lasse, spüre ich so etwas wie Heimweh nach einem unbestimmten Etwas, während draußen in der Buchenhecke schon die meisten Blätter ihre gelbe Farbe annehmen. Es gibt den Herbst in frischen Farben, gebaut aus lauter Fantasien.

      Eine einsame Ringeltaube gurrt zu einem Starenzug, der gen Süden zieht. Spatzen und Finken predigen Frieden, eine Amsel zwitschert einen Psalm und eine über ihnen fliegende schwarzgraue Dohle probt den Klang der Glocken im Kirchturm. 

        In der Mitte des Gartens rauschen die Blätter des Schmetterlingsflieders eine eintönige Melodie, ein paar verliebte Schmetterlinge sonnen sich noch auf  verbliebenen Blättern des Baumes. Der Herbst erntet die letzten Früchte der Rosen, die Grünfinken färben sich ihre Schnäbel in den reichlichen Hagebutten. Eine Kohlmeise hüpft in den dahliengeschmückten Rand neben dem Gartenzaun. 

         Einer der übriggebliebenen Sonnenstrahlen zwinkert mir zärtlich zu. Schweigend hülle ich mich in die nistende Wärme, die mit einem unsichtbaren Schatten gefüllt ist. Diese Wärme macht mich zu einem Teil der Natur. Ich kann die Welt mit geschlossenen Augen betrachten und darüber nachdenken, wie ich einmal ein »Bellis-Blümchen« gepflückt habe, das meinen Gedanken eine Erklärung gab. Denn die Bilder sind jetzt klarer und die Farben heller geworden. 

***

     Auf dem Schrank liegt ein Buch, in dem erzählt wird, wie jede Stille ihre eigene Individualität trägt. Jeder kennt es, wo und wann diese Ruhe uns erreicht, ob in der Jugend im trauten Kreise oder im Alter, das vom Abschied des Abends erzählt. Dass wir uns irgendwann trennen müssen - jedermann kennt dieses kontinuierliche Weitergehen, wir fühlen uns dann wie eine Blume, die verblüht oder ein verdorrendes Blatt. 

       Stille ist aufgrund ihrer Ambivalenz im Schatten des Lebens so vielseitig. Die Kombination aus Vernunft und Sinn für wahre Liebe, für Vertrauen und für gegenseitige Unterstützung, Anteilnahme und Verständnis machen den Menschen einfach glücklich. Das Morgenlicht in der herbstlichen Stunde - noch früh - strahlt in krassem Kontrast zu den Winterstürmen der kommenden Zeit.

         Auf dem Schreibtisch liegt ein Text in einem kleinen Notizbuch. Ich nippe an einer Tasse Tee, hole tief Luft und denke daran, wie wahre Liebe über Schmerzgrenzen hinweg süßer schmeckt, wenn zwei Seelen frische Wunden teilen. 

       Leise lese ich den Text, als wäre es ein Gebet an einem Tag, an dem es nichts zu feiern gibt. Das Gedicht verschwindet zwischen dem Klang des ersten Glockenspiels des Morgens und den ersten Tönen des erwachenden Tages: 

                               Der eigene Geist sagt zur Seele:
Nicht dein Rücken tut weh,
sondern die Last, die du trägst.
Es sind nicht deine Augen, die weh tun,
sondern die Ungerechtigkeit, die du siehst.
Es ist nicht dein Kopf, der weh tut 
sondern die Gedanken, die dich verletzt haben
.
Es ist nicht deine Kehle,
sondern das, was du nicht zu sagen wagst.
Es ist nicht dein Bauch,
sondern deine Seele, die nicht verstehen kann, was um dich herum passiert.
Nicht deine Leber tut weh,
sondern die Wut in dir .
Nicht dein Herz tut weh, 
sondern die Sehnsucht nach Liebe,
die du teilen möchtest...
Aber es ist nur die Liebe selbst,
die all diesen Schmerz heilen kann.

Die Traurigkeit des Morgens sollte man vermeiden. Wie schön ist wahre Liebe, wenn man wie durch einen Spiegel die Verbindung zwischen zwei Herzen spürt. Wenn es eine Fügung gibt, dann sollten wir sie auch zulassen und nicht aus Gründen früherer Erfahrung verdrängen! Damit wird nur der Traurigkeit der Weg bereitet...

 

Flohmarkt

Magst Du Flohmärkte? Ich gestehe unumwunden, Flohmärkte sind meine geheime Leidenschaft. Hier brauche ich meiner Fantasie keine Zügel anlegen, ich schaue sozusagen hinter die Dinge und versuche, ihre Geschichte nachzuempfinden. Mag ja manchem vielleicht etwas seltsam vorkommen, ich jedenfalls finde es toll, in alten Sachen zu kramen aber es geschieht nicht selten, dass ich dabei kleine Überraschungen finde und mit nach Haus bringe.

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    Da sind es vor allem Bücher, die auf mich eine Anziehungskraft haben, vor allem alte und vielleicht zerschlissenen Bücher. Und so kann es schon leicht geschehen, dass ich dabei die Zeit vergesse, manche Verkäufer schauen dann schon misstrauisch zu mir hinüber, fragen auch schon, ob sie mir helfen könnten. Das allerdings mag ich nicht, wandere dann schnurstracks weiter zum nächsten Objekt meiner Begierde.

    So war es dann auch vor einigen Tagen erst. Der Flohmarkt in unserer Stadt war gut beschickt und bei hervorragendem Wetter auch gut besucht. Ich schlenderte durch die Reihen, schaute hier, staunte dort, kramte in Bücherkartons, wobei ich es immer vermeide, die professionellen Anbieter aufzusuchen. Ich mag die kleinen Stände am liebsten, wo Hausfrauen ihre überflüssigen Sachen loswerden wollen oder wo der Speicher der verstorbenen Oma ausgeräumt wurde, um Platz zu schaffen. Dort vor allem finde ich die Schätze, auf die es mir ankommt.

    Mein suchender Blick fiel auf einen alten Karton mit vielen alten Büchern. Donnerwetter, das waren Schätzchen, davon träume ich immer. Ich stöberte in diesem Karton und fand dort einige Bücher, auf die es mir ankam. Der Anbieter, ein junger Mann bemerkte mein Interesse und bot mir den ganzen Krempel, wie er sagte, für einen annehmbaren Preis an.

    Nun, es war schon verlockend, dies anzunehmen, aber es waren dann doch eine Menge Bücher dabei, die nicht in mein Weltbild passten. »Heideggers« Schriften, dem nationalen Philosophen, kann ich nun gar nichts abgewinnen. Ebensowenig hat Gustav Freytags »Soll und Haben« mit seinem antisemitischen Touch etwas bei mir zu suchen! Dann aber fand ich doch einige Werke, die noch in Fraktur gesetzt waren. Und so ging ich dann später mit einigen Bänden fort, die mir gefielen.

    Clara Viebig, »Das tägliche Brot« suchte ich schon lange.
Und dann waren da noch einige andere, für mich wertvolle Bände, die ich erwarb, darunter sämtliche Gedichte von »Hermann Allmers«, die schon selten geworden sind und die für meine Website »Klassikerpark« unverzichtbar sind und die ich auch schon übertragen habe. 

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Ja, und dabei geschah es dann auch. Ich durchblätterte diesen Gedichteband und plötzlich fiel mir ein kleines Faltkärtchen in die Hand. Ein Strauß Vergissmeinicht auf der Vorderseite, innen dann die Überraschung!

    In alter Sütterlinschrift las ich dort folgende Worte:
Breslau, den 12.Dezember 1908

Mein liebes Mütterlein, ich schicke Dir diesen Band Gedichte von Allmers, Du liebst ihn ja sehr.
Leider werde ich dieses Jahr zum Weihnachtsfeste nicht bei Dir sein können. Meine Herrschaft fährt mit der ganzen Familie nach Arosa in die Schweiz. Es wurde mir aufgetragen, mitzukommen und die Kleinen zu beaufsichtigen. Ich bin sehr traurig, liebe Mutti, aber es geht nicht anders. Wir sehen uns dann im Januar. Bleib gesund, Du weißt, ich habe Dich sehr lieb!
Dein Mäuschen!

 
    Siehst Du, solche Fundsachen sind für mich Glücksfälle.
Und dann fange ich an zu träumen. Wer war dieses Mädchen? Anscheinend als Kindermädchen in einem vornehmen Haushalt, weit weg von ihrer Mutti.
Was waren ihre Träume? War sie glücklich? Vielleicht verliebt? Oder war es der berufliche Zwang, der sie in die Ferne getrieben hatte?
Wir können es nicht wissen, aber ich weiß nur eines: Sie war ein Mensch, genau so wie wir heute, mit Wünschen und Hoffnungen! Vielleicht wurden sie erfüllt, vielleicht aber erlebte sie die Erfüllung nicht mehr?
Wer will dies nach über hundert Jahren noch wissen? 
Ich finde, solch ein kleines Kärtchen ist genau so wertvoll wie irgendeine Hinterlassenschaft aus der »Titanic«!
Jedenfalls habe ich mir meine Gedanken dazu gemacht, mir ist dieses unbekannte Mädchen, das von der Mutter »Mäuschen« genannt wurde, ans Herz gewachsen...

 

Das Mädchen am Tor

Gestern war er wieder da. Oder war es vorgestern? Wenn man wie ich so lange hier verweilt, kommt man doch mit der Zeit in Konflikt. Aber im Grunde genommen ist das doch auch egal. Die Hauptsache ist doch, er kommt wieder. Wenn das Warten doch nicht so schwer wäre.

    Angestrengt schaue ich zum Eingang hinüber. Noch immer nichts zu sehen. Ich bin traurig, wo bleibt er nur? Warum lässt er mich so lange warten, er muss doch meine Sehnsucht spüren.

     Ich liebe ihn schon seit vielen Monaten, seit dem Tag im Januar, als er zum ersten Mal hier war. Ich erinnere mich gut an daran. Dort, nur ein paar Meter vor mir, sass er auf der Bank, sah mich lange an. Diese wunderschönen braunen Augen haben mich regelrecht verzaubert. Als er dann nach einer halben Stunde aufstand und wieder fortging, habe ich ihm lange nachgesehen. Ja, er drehte sich auch noch einmal um, sein letzter Blick gab mir zu verstehen, dass er mich auch mochte.

    Seit dieser Zeit kam er mit wenigen Ausnahmen an jedem Sonnabend und setzte sich zu mir. Ich war an diesen Tagen völlig durcheinander, schon am Morgen wartete ich auf den Nachmittag. Einmal hörte ich, wie er flüsterte: »Du bist wunderschön!«

     Ich hörte es, es gab mir regelrecht einen Stich ins Herz. Ich konnte ihm aber nicht antworten, es ging einfach nicht, so sehr ich es auch wünschte. Als er dann fortging, brach mir fast das Herz. Ich liebe ihn so unendlich. Und er liebt mich, das fühle ich. Und doch kann es nicht sein, so sehr ich das von Herzen bedaure. Was gäbe ich doch alles dafür, wenn er mich mitnehmen könnte, in sein Haus!

     Aber so bleibe ich für immer hier im Museum, denn der Preis für dieses Gemälde ist für ihn unerschwinglich ...

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George Clausen, Mädchen am Tor, 1869

 

 Es gibt auch andere Sterne …

Wenn man so uralt ist, wie ich es bin, erscheinen die Jahre letztlich wie Wochen. Ich habe keine Ahnung, woran das liegt, kann sein, dass man zu viel sieht, hört und erlebt. Wen und was habe ich nicht alles in meinem Leben kennengelernt! Es ist unwahrscheinlich, dass man das alles im Gedächtnis behalten kann. Im Auf und Ab der Zeiten gibt es immer wieder Höhepunkte und auch Niederlagen, davon kann sich niemand freisprechen.

    Gut, ich stehe jetzt seit 1809 hier an diesem Platz in der halbsteilen schmalen Gasse, die Unterstadt und Oberstadt miteinander verbindet. Hier kamen in den früheren Jahrhunderten die Transporte auf der Alten Salzstraße vorbei, die von Lüneburg zur Hansestadt Lübeck führte. Es herrschte hier seinerzeit ein reger Verkehr, Salz war eben die beliebteste Ware im ganzen Reich.

     So lief das Leben jahrein, jahraus. Dann kam das große »völkische tausendjährige Reich«, alles bekam nun eine andere Bedeutung. Die Nachkommen der Familie Avram und Rebecca Rosenbaum, seit rund 150 Jahren schon hier in der Stadt daheim, bekamen die Veränderung als erste zu spüren. Sie hatten in diesem kleinen »Städel« gelebt, und gearbeitet, waren als Mitbürger geachtet, dann für ihr Vaterland im Jahre 1914 in den Krieg gezogen. Sie lebten ihr Leben nach ihrem Glauben; liebten und erzogen ihre Kinder zu guten Menschen und sie starben danach im Glauben an den G’tt ihrer Väter - so wie jeder andere Mensch in der kleinen Stadt.

     Dann eines Nachts wurden sie einfach aus ihrem Heim vertrieben, sie mussten es verlassen ohne jede Habe, wie einst Adam und Eva das Paradies. Und niemand in der kleinen Stadt wusste später, wohin die Familie Rosenbaum gezogen war. Und um bei der Wahrheit zu bleiben: Es interessierte auch keinen Menschen, weil sie alle nur mit sich selbst zu tun hatten!Elbe_004

    Ich stehe nun seit fast 200 Jahren in dieser Stadt. Die Familie blieb verschollen, bis heute. Auch an das »Stammhaus der Familie Rosenbaum« erinnert nichts mehr, da die späteren Besitzer mich mehrfach renovierten.

    Halt, das stimmt nicht ganz! Ganz oben nämlich, an meinem Giebel findest du noch ein Zeichen meiner jüdischen Herkunft: Ein Giebelfenster mit einem Rahmen, der dem Davidsstern entspricht …

 

Vor Sonnenuntergang

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Vor Sonnenuntergang erscheinen die Schatten am längsten. Sie verdecken den Blick in die Vergangenheit und trüben die Erinnerungen. Diese Schatten des Lebens verschleiern all das, was uns Menschen bedrückt.
Vor Sonnenuntergang tauchen diese Schatten alles noch einmal in ein diffuses Licht, mit ihnen wandeln sich Gedanken vom Werden zum Sein, vom Kommen zum Gehen. Es gibt in dieser Stunde des Sundowns nicht mehr allzuviel Möglichkeiten der Veränderung.

     Vor Sonnenuntergang jedoch sind auch die Farben am kräftigsten, leuchten noch einmal in all ihrer Pracht, zeigen alle Faszetten des Lebens in einem Augenblick auf.
Das Purpurrot der Liebe und der Leidenschaft, Orange als Optimismus und der Lebensfreude, das Violett als Symbol der Kreativität. 
Was kann schöner sein als die Farben eines Sonnenuntergangs? Man genießt nur und schaut, bis die Farben schließlich langsam aber unumkehrbar verlöschen. 

     Vor Sonnenuntergang hält man noch einmal Zwiesprache mit allem, was den Tag ausfüllte. Hat er all das gebracht, was man am Morgen von ihm erwartete? Hat man selber alles getan, um ihn auszufüllen? Ein Quäntchen Glück in den großen leeren Behälter des Tages, ein Quäntchen Liebe, ein Quäntchen Toleranz - war das genug für den ganzen Tag? Dann die bohrenden Fragen: Woher kam die eigene Schuld, die Schuld der Mitmenschen, die schicksalshaften Begegnungen. Woher kam das Leid, das dieser Tag auch mit sich gebracht hat? Hat man alles getan, um anderen Menschen Glück zu bringen? Ihnen Leid zu ersparen? 
     Sicher nicht. Aber keiner kann das nun mehr ändern. Der Tag, die Zeit, die Vergangenheit, das sind unumkehrbare Kontinuen. Man kann den Sonnenuntergang nicht aufhalten, und man will diesen Zeitpunkt, wenn der Horizont die Sonne in sich aufnimmt, auch nicht hemmen. 
     Vor Sonnenuntergang schaue auch ich noch einmal auf mich selbst zurück. Habe ich vielleicht auch selber gelitten an diesem Tage, bin ich nicht auch an der Hartherzigkeit der Umwelt zerbrochen? Haben mich die Pharisäer nicht auch in die Knie gezwungen? 

     Am frühen Morgen dieses meines Tages wurde in einer beispiellosen Zeit der Grundstock gelegt zur Unmenschlichkeit, zwischen Tod und Hunger, Elend und Grauen, Bomben und Schiffsuntergang kam letztlich doch das humane Denken zum Vorschein, mit der Muttermilch aufgesogen, den Vater als Vorbild, der doch nichts tun konnte als vor meinen kindlichen Augen zu sterben. 
Dieser frühe Morgen meines Tages, meines Lebenstages, konnte mir nichts mitgeben. Da war kein Ranzen voller Zuversicht, kein Beutel voller Hoffnung. Da war nichts als das bißchen Geist in einem kleinen Kopf, der vorher schon indoktriniert war von nationalsozialistischem Gedankengut. Dieser Kopf, der es dann doch fertigbrachte, diese verbrecherischen Inhalte zu absorbieren! 
Generat
     Vor Sonnenuntergang halte ich Abrechnung mit meinem eigenen ICH. Addiere und subtrahiere all das, was für oder gegen mich spricht. Und obwohl ich das selber nicht beurteilen kann, fühle ich mich dennoch frei! Was ich in der Mitte meines Tages tun konnte, habe ich getan. Habe mein Leben weitergegeben an meine Kinder. Diese werden sicher alles anders machen, als ich es je machen konnte. Ob es besser sein wird, wird deren Sonnenuntergang einst beleuchten. 

Sonnenuntergang? Ja, mein Tag ist fast vorüber, ob er gut war oder negativ - das wird erst der nächste Morgen zeigen, der Morgen mit dem nächsten Sonnenaufgang. Und der, der bringt die Freiheit des Seins!

 

INHALT

Ein schöner Tag
neu_1Erfahrungen
Tanz des Sommers
Das Mädchen am Tor
Vor Sonnenuntergang
Flohmarkt
Es gibt auch andere Sterne
Betrachtung
Gedankensplitter

 

1_pfeil_ob

Haiku

Die rote Rose
verblasst ganz schnell im Licht des
heißen Sonnenstrahls.

**
*

Wer ist Gott?

 

So schwer fand ich früher die Frage nicht,
ich stellte sie oft Tag und Nacht,
fragte auch in der Kirche nach.
Die Antwort brachte mir kein Licht,
ich hörte nur von Amt und Pflicht.

Dann lernte ich sehr viel im Leben,
las auch so manches kluge Buch,
an keiner Stelle fand ich, was ich such,
kam damit meinem ernsten Streben
nicht näher, hab es dann aufgegeben.

Schließlich griff ich zum Wanderstab,
wollt fragen die Weisen der Welt.
Doch als ich diese Frage gestellt,
schwieg jeder wie ein stilles Grab,
statt dass er mir die Antwort gab.

Es scheint, dass ich sie nirgends fand,
die Antwort auf die schwere Frage.
Fragte ich am falschen Tage? 
Ist sie vielleicht nicht interessant?
Ich glaube, Gott bleibt unerkannt!

Nach einem langen Leben heute,
müde von all meinen Problemen,
will ich die Zeit mir nehmen;
ich frag jetzt nicht mehr andere Leute,
was wohl der Name Gott bedeute!

Ich sitze unter einem Magnolienbaum
und frag ihn einfach ohne Spott:
»Was weißt du eigentlich von Gott?«

Die Antwort kommt ganz kurz darauf: 
In der Sonne hellem Lauf
gehn plötzlich alle seine Blüten auf.

 

 

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As
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top
top

Gedankensplitter

Die rote Sonnenglut 
küsst dunkelvioletten Horizont,
sacht kehrt die Dunkelheit nun wieder ein
ins Zwielicht des Bewusstseins.

In fahlem Grau 
versickern Show-Effekte
aus vergangenen Schattenträumen 
und dringen dann in leergeweinte Herzen.

Aus Tagen, die
unendlich fern erscheinen,
klingen a-Moll-getönte Träume
schwerelos in durchwachte Nächte.

Sanft versucht 
noch ein geheimnisvolles Wispern 
aus Gedankensplittern, in aufgewühlten
Sinnen reales Dasein zu erzwingen.

Vergeblich das Wagnis, 
Reste der Erinnerung in Katakomben
der Geschichte zu begraben,
Schmerz lebt weiter im Heute.