Die Bäume und Ich

Die Bäume verstummen, als ich an ihnen vorbeigehe. Sie sind zu dieser Jahreszeit nicht mehr nackt, doch ich bin mir sicher, dass ihnen die andauernde Hitze der letzten Wochen nicht so gut bekommen ist. Sie flüstern. Über mich? Wie Frauen, die sich im Café zum Plausch getroffen haben; wie Frauen, die ihre Enkel über den grünen Klee loben, wenn sie über ihren Nachwuchs reden. Ich danke ihnen jedenfalls dafür, dass sie an diesem Tag wie meine Großmutter sind, diese grünen Freunde.

    Sie wissen, dass ich für immer Abschied nehme, Abschied von diesem alten Hause, das so fern von mir ist, wie die Jugendzeit vor endlos langen Jahren. 
Ich war mehrere Stunden unterwegs, um zu spüren, wie das Haus sich schweigend von mir verabschiedet. Wie die Augen des Hauses mir voller Wehmut zuzwinkern wollen, sich dann aber ohne jeden Ausdruck schließen. Das Haus wirkt danach annähernd so ausdruckslos, wie das Bellen eines Schäferhunds, der mich auch nicht dort haben will.

     Die Bäume flüstern: »Was will er noch hier? Er ist doch ein Fremder. Er war es schon immer. Wollte es nur nicht wahrhaben.«
Ich höre es, fühle es, aber die Erkenntnis geht an mir vorüber. Berührt mich nicht mehr; so wie der Tau am Morgen auf den Blättern liegt und später spurlos verschwindet.
»Er weiß es«, flüstert einer der Bäume. »Er kommt gewiss zu spät«, meint ein anderer. »Und trotzdem geht er dort hin!« sagt ein dritter. »Um alles zu beweinen? Unverständlich«.

   Das alte Haus sieht so abweisend aus. Mich packt ein verzweifelter Versuch, alles zu zerstören. Unwiderruflich. Wie sagte mein Großvater in solchen Fällen dann immer? »Geh hinaus zu den Bäumen, sie helfen dir!«

baum_027      Mein Großvater hat mich nie etwas gefragt. Ich saß an dem kleinen Tisch im Wohnzimmer und er gab mir ein Stück Kautabak. Ich spuckte es weit von mir aus. Großvater lächelte. »Damit du lernst, alles Böse wegzulassen«, sagte er. Dann bekam ich von Großmutter ein Schüsselchen mit gelbem Pudding!

   »Es wird alles wieder besser, du darfst nur nicht ungeduldig sein.«
Von meinen Großeltern habe ich gelernt, dass sie immer wissen, was mit ihren Enkeln los ist, auch wenn sie nichts sagen. Auch die Bäume wissen es. Doch sie haben mir die Entscheidung überlassen. Am Ende erst weiß ich, ob sie richtig sein wird. Deshalb erinnere ich mich daran, wenn ich an einem Baum vorübergehe, dass er mir mein eigenes Leben erzählt. So wie mein Großvater es tat, ohne etwas dazu zu sagen. Ich verstecke dann heute meinen Blick, damit keiner merkt, wer ich bin!

   Ich überlege, wie ich ans andere Ufer des Lebens gelange, berechne dabei den besten Weg, ohne in irgendwelche ölverschmutzten Pfützen zu treten, die die Sonne in mir verdunkeln

Aber ich weiß: »Alles wird besser!«

 

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Freiheit als Streitobjekt

Was ist Freiheit eigentlich?
Was macht uns frei?
Was schränkt uns ein?
Bei dem Begriff Freiheit spielen bekanntlich viele Faktoren eine besondere Rolle. Die Religion, die Geschichte eines Landes, auch das Geld, das man hat oder auch nicht.
Was macht mich denn wirklich frei?

  Unser Deutschland, steht, was das Thema Freiheit angeht, im Vergleich zu vielen anderen Ländern wirklich gut da. Warum wird immer vieles so schlecht geredet? Gerade Menschen, die nie etwas anderes kennengelernt haben als die Freiheit, in der sie leben, finden überall das berühmte Haar in der Suppe.
Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit - sie alle bilden zusammen eine Vielzahl von Ausdrücken, für die unser eigenes Land als Begriff steht!
 Alles Genannte ist in unserem Grundgesetz geregelt.  Natürlich, es ist immer richtig, dass es auch hier ständige Herausforderungen gibt. Da würde ich beispielsweise Schmähschriften nennen, in denen Personen direkt beleidigt werden. Das ist für mich ein absolutes »no go« und hat mit dem Begriff ›Freiheit‹ nicht das Geringste zutun.

 Wenn Meinungen auseinandergehen, sollte immer zuerst ein Diskurs gesucht werden, leuchtet das nicht ein? Vieles kann da schon bereinigt werden. Gerade Menschen, die den Terminus »Freiheit« ständig im Mund wälzen, haben recht wenig damit am Hut! Für sie ist Freiheit immer IHRE eigene Freiheit.

 Rosa Luxemburg sagte schon im Jahre 1922:
 „Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit des anders Denkenden. Nicht wegen des Fanatismus der »Gerechtigkeit«, sondern weil all das Belehrende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die »Freiheit« zum Privilegium wird.“

 Welch ein großes Wort! Es war eine andere Zeit, gewiss. Aber - war sie wirklich anders? Die Grundgedanken der Freiheit waren schon im Menschen verankert, als er noch in Höhlen und in Clan-Verbänden lebte. Wir reden heute von Freiheit und wissen doch, dass im Grunde alle Menschen von allen anderen Menschen in irgendeiner Form abhängig sind.
Freiheit ist immer ein subjektiver Begriff!

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Mit dem Wort »Freiheit« meinen wir der Grundbedeutung nach einen Selbstbesitz, ein Selbst-sein-können auch und gerade im Gegenüber zum Anderen, zum Fremden, zum möglicherweise Undurchschaubaren und Unbeherrschten. 

 Der Philosoph Immanuel Kant nahm das Thema auf, indem er den Grundsatz prägte: 
Freiheit ist das einzige jedem Menschen angeborene Recht, aus dem andere Urrechte allenfalls folgen!

 Was aber bedeutet Freiheit eigentlich? Natürlich, es ist abhängig davon, in welchem Lande ich lebe. Der Begriff ist so reichhaltig, dass es kaum möglich ist, ihn genau zu definieren. Für manche Menschen bedeutet es, immer genug zu essen zu haben.
Für andere, die in einem Kriegsgebiet leben, darauf hoffen zu können, von allen Folgen dieses Krieges verschont zu bleiben! Es gibt unzählige Begriffe für den Gedanken ›Freiheit‹, dass es kaum zu überblicken ist.

 Für mich persönlich - und das ist wiederum abhängig vom oben genannten - bedeutet Freiheit auch, dass ich meine Meinung frei äußern kann, ohne beschuldigt zu werden, etwas gesagt zu haben, was gegen die landläufige Meinung verstößt! 

 Weil es eben in vielen Ländern unserer Welt verboten ist, seine Gedanken und Gefühle zu zeigen,
leben die Menschen dann jedoch in ständiger Furcht.
Angst aber ist der Gegner der Freiheit!

        Ich kann meinen Glauben leben oder ich kann es lassen, niemand wird mich daran hindern. Ich kann sagen, was ich will, muss ich aber deswegen meinen Nachbarn beleidigen oder beschimpfen?
Freiheit besteht doch nicht nur aus Privilegien; die Pflichten der Freiheit sind genau so wichtig. Und hier kommt dann wieder das Wort von Rosa Luxemburg (s.o.) zum Tragen.

 Freiheit ist nicht eine Idee, nicht nur ein Wort, das in den Menschen das Begehren nach etwas Unerfüllbaren weckt, Freiheit ist eben die Urform unseres Daseins! Sie ist kein Irrglaube, keine Hoffnung, für die unsere Vorfahren einst getötet haben, weil sie glaubten, dadurch frei zu werden. 

 Dazu kommt dann aber noch die große Frage: existiert die Freiheit heute wirklich innerhalb des engen abgesteckten Rahmen unseres Lebens, auch in unserem Land?

Ich sage eindeutig: JA!
Und das kann ich nur, weil ich aus meiner Vergangenheit gelernt habe, wie Unfreiheit aussieht.

Und diese, liebe Freunde, die möchte ich nie wieder erleben ... 

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Die Zeit, die wir noch haben!

Leise klopft der Regen gegen das Fenster. Die eigene Einsamkeit zählt ihre Sekunden, langsam klopft auch der Sekundenzeiger die Zeit weg. Tick-Tack-Tick-Tack … Ist jemand bereit, die aufzuhalten? Niemand kann die Zeit anhalten. Warum sie nicht einfach stoppen? Halt, und jetzt bitte rückwärts.

     Aber die Zeit vergeht. Langsam, schnell, je nachdem, wie man es fühlt. Wie man sich fühlt. Wartest du, werden die Sekunden zu Stunden. Befindest du dich mitten in einem Ablauf, werden Stunden zu Sekunden. Die Zeit vergeht, Zeit, die wir niemals wieder zurückbekommen. Vorbei, vergangen, ausgelöscht? Was bleibt von dieser Zeit? Nur Gedanken, Erinnerungen? Zeit, welch ein wunderbares Wort ist dieser Substantiv! Wie viel Erwartung liegt darin, welche Hoffnung vermittelt dieser Ausdruck für das Leben.

 Wir möchten viel Zeit haben! Ist so etwas nicht ein gewaltiger Moment des Glücks? Das bedeutet doch: Ich muss mich nicht beeilen, ich kann alles in der Form machen, in der Ruhe fertig bringen, wie ich es für richtig halte? Ich habe Zeit! Ich habe Glück, denn ich habe Zeit, Unmengen von Zeit! Aber welch eine Drohung kann dieses Wort »Zeit« beinhalten. Vier Buchstaben, die Angst machen, die das Herz schneller schlagen lassen:

     Ich habe keine Zeit mehr! Spürst du die Eiseskälte, die dahinter steckt? Wie eine stählerne Wand steht dieser direkte Ausdruck vor dir, hinter dir. Überall ist sie im Raum vorhanden. Das Schlimmste dabei: Du kannst ihr nicht ausweichen, diese Drohung, lässt dich einfach nicht mehr aus ihren Fängen! »Ich habe keine Zeit mehr«.

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    Da drängt dich jemand zu etwas, das du im Grunde deines Herzens gar nicht willst. Du möchtest die Hände in den Schoss legen, aber jemand verhindert das. Warum? Weil du keine Zeit mehr hast? Vielleicht hast du sie ja vertrieben, durch irgendeinen »Zeitvertreib«? Und nun ist sie weg, deine Zeit.

     Nein, nein, noch ist sie da, du hast noch genügend Platz, hast noch Spielraum, um sie zu würdigen, deine Zeit! Nütze sie. Die Zeit, die wir bekommen haben, ist unsere Zeit. Unsere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft! Alles im Leben wird von unserer Zeit abgezogen. Jede Sekunde, Minute, Stunde. Deshalb ist es so wichtig, diese Augenblicke zurückzubringen, weil sie zu unserer Zeit gehören, diese Gedanken und Erinnerungen.

     Sie ist vergangen, kommt nie mehr zurück, aber wir können uns daran erinnern, an diese Zeit! Auch wenn ich darüber schreibe, ist dies nur ein Tropfen, der auf einem heißen Stein sofort wieder verdampft. Und dennoch: Wir sollten behutsam mit unserer Zeit umgehen, denn mehr als wir heute haben, werden wir nie wieder bekommen!

 


Der schreibende Mitmensch!

Der Mensch ist schon ein seltsames Wesen. Er scheint immer auf der Suche nach Ruhe zu sein und in dieser Suche fällt er in eine Rastlosigkeit, die sehr oft in einer Unzufriedenheit mündet.

    Die unzähligen Vorher-und Nachher-Illustrationen kennen wir alle aus entsprechender Werbung. Sie gaukeln uns einen Effekt vor, der dann niemals real werden kann, sie sind ein reines Produkt der Fantasie, mit der uns mitgeteilt werden soll, was alles geschehen könnte, wenn wir nur das entsprechende Produkt erwerben.

   

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     Oft kann das auch sehr spannend sein und auch inspirierend, auch ich ertappe mich manchmal dabei, einige Einfälle herauszukramen und sie dann in die Tat umzusetzen. Ich denke, daran ist auch gar nichts Merkwürdiges. Haben wir uns nicht auch schon oft gefreut, wenn unsere eigene Kreativität einen Anstoß bekommen hat, die dann in eine Schaffenskraft mündete? 

     Wir standen dann später vor dem vollendeten Ende dieses Schaffens und waren voll zufrieden mit unserem Tun, oft auch ein bisschen stolz auf das Geschaffene. Ist es nicht so, dass man sich auch ein wenig bestätigt vorkommen darf, wenn etwas gelingt, auch wenn der Anstoß dazu von außen kommt? Alles, was wir mit unseren eigenen Händen schaffen, hat für uns selbst doch einen ganz besonderen Wert. Allerdings wird dies meines Erachtens dann sehr bedenklich, wenn dieses Schaffen - ob nun von außen angefacht oder aus der eigenen Unrast heraus - zu einer zwanghaften Haltung wird, die von Ruhelosigkeit und Unrast gespeist, sich durch alle Bereiche des Lebens bemerkbar macht.

     Solch eine unstete Hektik kann ganz schnell die Form einer Dependenz annehmen. Mir fällt das schon des Öfteren in den Blogs auf. Da findet man bei manchen Bloggern eine Betriebsamkeit, die fast unerklärlich ist. Für so manchen Menschen scheint der Ausspruch 
»Stillstand ist Rückschritt« 
die Lebensmaxime zu sein. Immer auf der Suche nach dem Neuesten, immer in Sorge, etwas zu verpassen und unablässig angetrieben von dem Gedanken, aus dem eigenen Leben das Allermöglichste heraus zu holen.

 

    All das, was ›Vorher‹ war, scheint nur noch verbesserungswürdig zu sein, jedes ›Nachher‹ wird zu einer unabdingbaren Anstrengung, in welchem Lebensbereich es auch immer sein mag. Dann jedoch, sobald das gesteckte Ziel erreicht ist, offenbart sich alsbald die nächste Bedingung, die erfüllt werden muss. Der ganze Ablauf wird somit zu einem Zwang, den es stets von Neuem zu erfüllen gilt. Unter diesem Aspekt stellt sich mir dann doch die Frage nach der Ruhe und der Muße, um das Geleistete bzw. das Geschaffene auch genießen zu können.

 Wo bleibt dann die Zeit, dass dem Erfolg einer Tätigkeit die Anerkennung zuteil wird, die es verdient hat? Wo die Gelassenheit, sein Leben nach den eigenen Wünschen zu gestalten, auch wenn diese Vorstellungen nicht der landläufigen Meinung oder Mode entsprechen?

     Es gibt so manches Mal bei mir den Wunsch, dem Einen oder Anderen mehr Mut zu wünschen, um an das zu glauben, was er tut. Aber auch daran, dass es manches Mal mehr als genug ist, was er geschaffen hat; dass nicht immer wieder zum gleichen Thema etwas Neues hinzugefügt werden muss, weil es dann nämlich keine neue Nachricht mehr ist, sondern nur noch eine bedeutungslose Aussage.

     Dieses Phänomen stelle ich mehr und mehr in den sozialen Netzwerken fest, wie z.B. bei »Twitter«. Viele der Schreiber machen sich nicht mehr frei von all den Faktoren, nach denen wir alle zu gern unsere Umwelt einstufen und oft auch nach Gesichtspunkten kritisieren und zensieren, weil sie nicht den unsrigen entsprechen. Es geschieht immer weniger, dass ein Mensch als selbstständige wertvolle Persönlichkeit wahrgenommen wird; leider immer öfter nur als ein Objekt, an dem man den eigenen Frust loswerden kann!

    Stillstand muss doch kein Rückschritt sein! Wenn der Geist, der den Schreiber beseelt, wach und frei bleibt und sich nicht dem unterordnet, das man den Zeitgeschmack nennt. Dann kann man auch innovativ sein, zielstrebig dem Thema nachgehen, ohne sich ständig wiederholen zu müssen. Innovation heißt doch auch »Erneuerung« und kann durchaus bedeuten, dass man eigene Wege gehen kann, ohne auf den Zeitgeschmack oder dem modebewussten Trend folgen zu müssen.

     Das ist schwer, sicherlich, aber durchaus machbar.
Kleine Schreib- und auch Veröffentlichungspausen sollte man für sich selbst  einhalten und nicht immer nur schreiben, um ja nicht vergessen zu werden, das wäre das Nonplusultra der Blogger! Keiner muss sich durch fremdbestimmte Maßstäbe gängeln lassen. Dabei sein um des Dabeiseins willen? Wenn das die neue Wertschätzung ist, bleibe ich gern außen vor!

      Goethe schrieb vor 200 Jahren an Eckermann: 
»Man findet häufige Proben in der Literatur,
wo der Hass das Genie ersetzt und wo geringe
Talente bedeutend erscheinen, indem sie als
Organ einer Partei auftreten!«

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Ich will!

Ich will hören, sehen.
Was in mir ist, was mit mir ist.
Nein, nicht das, was dort war, 
was vielleicht sein sollte.

Zu sagen, was ich denke.
Nicht, was ich denken sollte!
Nicht, was ich sagen sollte,
Was andere hören wollen.

Denn das bin ich nicht,
Das war ich auch nie.
Ich will fühlen, mitfühlen.
Was ich fühle, ist Leben.

Und nicht, was ich fühlen sollte!
Ich will selber fragen,
Was ich möchte und nicht
Um Erlaubnis bitten müssen!

Ich möchte wagen,
Was mich reizt zu wagen.
Ich will nicht immer nur
Sicherheit wählen.

Einfach ausprobieren!
Ja, das will ich. 
Und das mache ich.
Auch wenn alles schief geht!

 

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Wir und das Alter

Wir sind heute so stark der Zukunft zugewandt, dass kaum Zeit bleibt, zurückzuschauen in die eigene Vergangenheit. Dabei vergessen wir oft, dass unsere besten Geschichten im Schoß der Vergangenheit versenkt liegen. Sie warten praktisch nur darauf, ans Tageslicht geholt zu werden. Eigene Erfahrungen können uns dabei helfen - wenn wir es zulassen - dass wir damit unsere Zukunft und die unserer Nachkommen bestimmbarer gestalten!

       Irgendwann, ganz unerwartet, klopft diese Vergangenheit an die Tür und die eigene Erinnerung fragt nach Erlebnissen, die urplötzlich vor den Augen erscheinen und ungläubig erkennt man, dass vieles, das heute geschieht, schon einmal da gewesen ist. Und mit erschreckten Augen stellt man sich die Frage, die bislang tief im Innern verschüttet war: Warum hat niemand aus der Vergangenheit gelernt?

        Wenn Menschen anfangen, über ihr eigenes Leben nachzudenken, beginnt ein Prozess des Erinnerns, der kaum objektiv sein kann. Liegt es daran, dass man selbst die negativen Seiten seines Lebens nicht mehr so dunkel sieht, wie sie vielleicht wirklich waren? Oder hat der ›Früher-war-alles-besser-Effekt‹ in der eigenen Biografie alle bitteren Gegebenheiten einfach ad acta gelegt, weil sie ja  doch nicht mehr veränderbar sind?

        Wann ist man alt? Ein schlauer Kopf sagte einmal:  »Alt ist man dann, wenn man an der Vergangenheit mehr Freude als an der Zukunft hat!« 
Nun, das ist solch ein bissiger Ausspruch, der eventuell manches Mal seine Berechtigung hat. Ich allerdings möchte mir dieses Bonmot doch nicht zu eigen machen, dazu hänge ich noch zu sehr an Gegenwart und Zukunft. Mag ja später einmal zutreffen, aber daran zu denken ist heute jedenfalls  keine Alternative.

 

Haiku

 

Abschied

Maiglöckchen läuten.
Horch nur, jemand nimmt Abschied
von dieser Welt.

***

Klaus

An einem Mittwoch fand sein Leben einen neuen Anfang. Eigentlich war es ein Tag wie jeder andere und dennoch ein besonderer am Rande seines Lebens. Eine Tür wurde geöffnet, eine andere zugeschlagen.
In sieben langen Stunden darauf erlebte er den Blick in die Ewigkeit, eine Ewigkeit, die sieben lange Warteschleifen mit sich führte, bis ein Traum Gestalt annahm. Er wanderte schon eine geraume Zeit durch das Labyrinth eines durstigen Lebens, ohne Kompass und ohne Navigationshilfe. Zielloses Stolpern in einem Land voller Hoffnungslosigkeit, ohne Rastplatz und nur von der Sehnsucht beseelt, zu finden.

     Und dann war da ein Weg, ein Pfad in die Wirklichkeit, er hatte den Mut, ihn zu beschreiten. Es stand keine blühende Hecke am Wegesrand, kein Rosenduft benetzte die Luft. Dafür waren da Dornensträucher und Schlinggewächse, schön anzusehen, aber mit schmerzhaften Erfahrungen versehen.
     Er kam an. Wirklich, er hatte diesen Schritt gewagt. Erstaunt über so viel Wagemut, überrascht von träumerischen Gedanken und realem Dasein, regte sich in ihm ein Gefühl von Stolz auf sich selbst. Dieser Sprung in das Bassin des neuen Lebens voller Unwägbarkeiten trieb ihn weiter in die Zukunft, in die er nicht hineinsehen konnte.
Wenn der erste Schritt getan, folgt der zweite unweigerlich. Wer bleibt schon gern am Anfang eines Pfades stehen?
Es heisst: Wer A sagt, muss auch B sagen. Ist das wirklich so?human_76

     Nein, bestimmt nicht immer, so mancher hat, - frei nach Bertold Brecht - gemerkt, dass A falsch war, ist dann folgerichtig wieder umgekehrt. 
Klaus jedoch wusste seinerzeit, dass dieser Schritt unabänderlich richtig war, und tat also auch den nächsten Schritt. Das wiederum war ein Produkt seiner daraus resultierender Gedanken: Ein Zurück zum Status quo ante war zu keiner Zeit im Bereich seiner Erwägungen. Klingt das hart? Nein, für ihn war es das Resultat langer Erwägungen und persönlicher Konsequenzen. Einmal nach langen Überlegungen eine Entscheidung getroffen, keinesfalls im ad hoc Verfahren, hatte er noch niemals in seinem langen Leben etwas Grundlegendes zurückgenommen.

    Menschen aber benötigen als soziale Wesen Orientierung und Verhaltenssicherheit zur Notwendigkeit von individuell verlässlichen und kollektiv verbindlichen Prognosen. Ohne Prognosen bzw. einem Minimum an vorher planbarer Handlung ist soziales Handeln nicht möglich. Und ohne soziale Handlung kann ein Zusammenleben nicht gedeihlich funktionieren, auch und gerade in Partnerschaften ist dies eminent wichtig.

     Ein Neubeginn ist naturgemäß immer ein Schritt in die Ungewissheit. Was erwartet ihn? Welche Gefahren lauern auf ihn, wird er alles auf ihn einstürmende bewältigen können, kann er die Erwartungen erfüllen, die in ihn gesetzt werden?

     A war richtig und B war ebenfalls zutreffend. Das weiss er heute, einige Jahre nach seiner Entscheidung. Es war für ihn die Entscheidung seines Lebens, die er nicht zu bereuen hat. Und das ist schön, weil es dieses Glück ist, von dem man eigentlich immer träumt.
An einem Mittwoch also fand das Leben von Klaus aufs Neue statt. Sicher ein Tag wie jeder andere auch. Dann vergingen zwei Jahre, in denen ihm Entscheidungen abverlangt wurden, die nicht so einfach abgetan werden konnten; er kann aber heute sagen, dass er sich diese Entschlüsse nicht leicht gemacht hat! Und dennoch, rückblickend gesagt, würde er es immer wieder tun.

    Warum? Das ist ein Grund, der ziemlich leicht und einfach zu beantworten ist: Er liebt einen Menschen, der für ihn alles ist. Reicht das nicht aus, um das Unterste im Leben nach oben zu kehren? Reicht das nicht aus?

 

 

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Die Bank

Da steht sie nun. Ein Bild der Einsamkeit. Verlassen. Unbeachtet. Das Jahr ist über sie hinweggegangen, mit Sturm und Regen, brennend heißer Sonne und eisiger Kälte. Aber sie hielt alles aus, widerstandsfähig bis zum heutigen Tag.

    Wie war es noch im letzten Frühling? Als die Birken das erste Grün trugen, als der Wacholder die braunen alten Zweige abstieß, als der Eichelhäher hoch in den Bäumen lachte und die Lerche jubelnd in den Himmel stieg, da war diese Bank nicht leer. 

    Siehst du dort den Jungen und das Mädchen sitzen? Sie fühlen den Frühling in ihrem Blut. Unbewusst starten sie den Kreislauf des Lebens wieder aufs Neue. Sie schwören sich ewige Liebe und Treue und wissen doch nicht, dass nichts in der Jugend brüchiger ist als die Treue. Und dass das Rot der Liebe sich sehr schnell zu einem Grau verfärbt, dass von den Schwüren im Frühling meist nicht mehr übrig bleibt als verdorrtes Gras im Sommer.


O! zarte Sehnsucht, süßes Hoffen,
Der ersten Liebe goldne Zeit,
Das Auge sieht den Himmel offen,
Es schwelgt das Herz in Seligkeit.
O! dass sie ewig grünen bliebe,
Die schöne Zeit der jungen Liebe!

So sagt Friedrich Schiller im «Lied von der Glocke»

    Aber auch der Dichter wusste, dass es so einfach nicht ist. Sonst hätte er nicht bewusst das Wörtchen “ewig bliebe” benutzt.

     Ja, und dann ging der Sommer über die Heide, der Herbst nahte. Die Erika blühte und die alte Bank stand inmitten einer wunderschönen violetten Pracht! Die Menschen, die kamen, erfreuten sich an diesen herrlichen Farben. So manch einer ruhte sich nach einer anstrengenden Wanderung hier auf der Bank aus und nahm auch etwas Nahrung für die Seele mit nach Hause.

    Wirf jetzt doch einen Blick auf dieses alte Paar, das dort schon einige Zeit auf der Bank sitzt. Beide im weißen Haar, mit faltiger Haut und längst nicht mehr taufrischem Aussehen. Erfahrene Menschen, mit vielen Narben an Leib und Seele. Sie ahnen nicht mehr die Schönheit des Lebens, sie kennen sie! Sie verstehen die Geheimnisse der Gefühle und brauchen keine Liebesschwüre mehr, die den Jungen vorbehalten sind. Aber sie haben die Liebe begriffen, die Nähe, das Vertrauen.

     Und wenn sie nun dort sitzen und in den Sonnenuntergang schauen, dann ist ihnen klar, dass es immer einen Anfang gegeben hat und dass es auch ein Ende gibt!
 Siehst du sie dort sitzen, Hand in Hand, auf dieser einsamen Bank in Eis und Schnee? Siehst du diese liebevollen Blicke? Spürst du ebenfalls dieses Geheimnis, dann bist du auf der richtigen Spur des Lebens. Dann weißt du, dass Gott alles in den Händen hat: den Frühling des Lebens und den Sommer und den Herbst. Und den Winter ebenfalls. Und mich. Und dich, nicht nur im Frühling ...
 Und zum Schluss noch einmal ein Zitat aus der «Glocke»:


Dem Schicksal leihe sie die Zunge,
Selbst herzlos, ohne Mitgefühl,
Begleite sie mit ihrem Schwunge
Des Lebens wechselvolles Spiel.
Und wie der Klang im Ohr vergehet,
Der mächtig tönend ihr erschallt,
So lehre sie, dass nichts bestehet,
Dass alles Irdische verhallt.

 

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Frieden, die Abwesenheit von Krieg?

Wir hatten in Deutschland 76 Jahre keinen Krieg.
Haben wir deshalb Frieden? Ja - nach außen hin schon. Aber was ist denn Frieden wirklich? Nur die Abwesenheit von Krieg?
Es gab nie, wirklich niemals wirklich Frieden auf dieser Erde. Irgendwo herrschte immer Unfrieden.
Vor allem im Vorderen und Mittleren Osten reiht sich Krise an Krise. Aber auch viele Länder Ostasiens sowie Mittel- und Südamerikas gehören zu den Unruheherden.

      Die Politikwissenschaftler zählten seit 1945 (bis 2020) 388 hochgewaltsame Konflikte,also Auseinandersetzungen, die sich durch massiven Einsatz organisierter Gewalt auszeichnen und gravierende Folgen nach sich ziehen.
 Zwanzig dieser Konflikte erreichen die höchste Intensitätsstufe und lassen sich somit als Kriege bezeichnen. Damit zählen die Konfliktforscher die weltweit höchste Anzahl von Kriegen seit 1945.

      Frieden? Was ist denn Frieden wirklich? Ist die Abwesenheit von Krieg denn Frieden?
Schön wäre es. Frieden wäre nur, wenn es keine Menschen gäbe!
Und wenn es keine großen Kriege gibt, dann ergreifen innerstaatlichen Konflikte durch Machtgier und Diktatur die Oberhand.

      Frieden ist der Wunschtraum aller Menschen seit Beginn des Menschseins, aber gleichzeitig wird der Wille, den Nachbarn, sprich das andere Volk zu beherrschen, übermächtig. Wie also soll ein ständiger Frieden zustande kommen?
Es ist genau so unmöglich, wie die Quadratur des Kreises.

 

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Als ich noch jung war

Als ich noch jung war -
Glaubte ich, ich könnte helfen,
unsere kaputte Welt 
noch zu verändern.

Ich kämpfte gegen Pershings, 
Atomwaffen und AKWs,
schrieb Transparente,
sang Protestsongs überall.

Ich war der Meinung
recht zu handeln,
liess mich dafür verprügeln 
von der Staatsmacht in den Camps.

An jedem neuen Tag
war ich voll Zuversicht,
sang damals mit Joan Baez:
»We shall overcome some day«-

Wie habe ich mich
 doch getäuscht,
denn nichts hat sich
seitdem geändert ...

 

INHALT


DieBäume und ich
Freiheit als Streitobjekt
Die Zeit die wir noch haben
Der schreibende Mitmensch
Wir und das Alter
Ich will!
Frieden, Abwesenheit von Krieg?
Klaus
Als ich jung war

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